Stadtmuseum ehrt das queere Ludwigshafen

Die wunderbare neue Ausstellung "Vom anderen Ufer?" läuft noch bis 22. Mai 2016. Wir zeigen exklusiv einige der gefundenen Schätze. Das Schwule* Museum hat seinen Sitz natürlich in Berlin, doch auch in kleineren Städten gab und gibt es queeres Leben. Regina Heilmann, die Leiterin des Stadtmuseums Ludwigshafen,

kam auf die prima Idee, homo- und transsexuelle Historie, Politik und Kultu einmal aus lokaler Perspektive zu erforschen. Die Ausstellung "Vom anderen Ufer? Lesbisch & Schwul, BTTIQ in Ludwigshafen" wurde am vergangenen Wochenende von Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU) eröffnet.

"Wir haben bei der Vorarbeit viele Überraschungen erlebt. Wir sind uns fast vorgekommen wie Archäologen", erklärte der Kulturwissenschaftler Wolfgang Knapp gegenüber dem "Mannheimer Morgen". Da über die lokale und regionale LGBT-Geschichte bislang kaum geforscht worden sei, habe es viele Zufallsfunde gegeben. Präsentiert werden bislang unveröffentlichte Dokumente, Exponate und Biografien.

Die Besucher der Ausstellung, die bis 22. Mai 2016 zu sehen sein wird, bekommen zunächst einen Überblick über die deutsche Gesetzgebung zu Homosexualität vom Kaiserreich bis in die Gegenwart. Im Anschluss liegt der Fokus auf der Chemiestadt. "In den 1960er und 70er Jahren gab es zahlreiche Schwulen-Kneipen im Hemshof", berichtete etwa Knapp. "Diese Szene war auch uns nicht bekannt. Aber sie hat damals Leute aus dem Rheinland, Saarland und weiter weg angezogen." Die Bars existieren jedoch seit langem nicht mehr, von den Gebäuden gibt es im Stadtmuseum nur noch Fotos.

Vom 7. November 2015 bis 22. Mai 2016 zeigt das Stadtmuseum im Rathaus-Center die Ausstellung "Vom anderen Ufer? Lesbisch & schwul, BTTIQ in Ludwigshafen". BTTIQ steht als Abkürzung für bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen. Die Ausstellung widmet sich dem Leben der lesbisch und schwulen und BTTIQ-Community in Ludwigshafen in Gegenwart und Vergangenheit: von Verfolgung und Diskriminierung bis hin zu wachsender Selbstbestimmung, Emanzipation und Lebenslust. Ziel ist schwerpunktmäßig die Aufarbeitung und Vermittlung der lesbisch-schwulen Geschichte der Stadt. Eröffnet wird die Ausstellung am Freitag, 6. November 2015, um 18 Uhr von Oberbürgermeisterin Dr. Eva Lohse.

Bei einem Pressegespräch am 2. November 2015 stellten der Leiter des Bereichs Kultur der Stadt, Dietrich Skibelski, die Leiterin des Stadtmuseums, Dr. Regina Heilmann und der Kulturwissenschaftler Wolfgang Knapp, der die Ausstellung kuratiert hat, das Ausstellungskonzept und das Begleitprogramm vor.

Die Idee zur Ausstellung hatte Dr. Regina Heilmann. Das Leben der lesbisch und schwulen und BTTIQ-Community in Ludwigshafen war bisher aus stadthistorischer und stadtsoziologischer Sicht noch nicht erschlossen. Die Stadt Ludwigshafen ist nach Berlin und Hamburg eine der ersten deutschen Städte, die dieses Thema im musealen Kontext behandelt, sich dafür auf Spurensuche begeben und die aktuelle Szene in der Region und somit letztlich deren Anteil an der gesamten Stadtgesellschaft und dem urbanen Leben beleuchtet hat. Noch nie veröffentlichte Dokumente, Exponate und Biografien werden einem breiten Publikum vorgestellt. Es ist geplant, nach Abschluss der Laufzeit von Ausstellung und Begleitprogramm eine Dokumentation herauszugeben, die über das in der Ausstellung Präsentierte hinausgeht.

Die Ausstellung im Stadtmuseum Ludwigshafen dient nicht nur der Aufarbeitung der Historie, sondern auch einer repräsentativen Darstellung des gegenwärtigen Miteinanders in unserer Stadt und ihrer Umgebung. Das Projekt "Vom anderen Ufer?" ist somit dreigeteilt.

Die Ausstellung im Stadtmuseum
Im Stadtmuseum werden zunächst Begrifflichkeiten zur sexuellen Orientierung allgemein erläutert, "queere Lebensweisen" und das Bekenntnis der Stadt dazu vorgestellt. Mehrere Einrichtungen und Beratungsstellen von Stadt und Region erhalten Raum, sich vorzustellen: PLUS (Psychologische Schwulen- und Lesbenberatung Rhein-Neckar ), die "Regenbogengruppe" im Protestantischen Kirchenbezirk Ludwigshafen, die AIDS-Hilfe Arbeitskreis Ludwigshafen, ILSE – Initiative lesbischer & schwuler Eltern Rhein-Neckar sowie die Gruppe "Selbsthilfe Transsexualität" für die Pfalz/Rhein-Neckar/Heidelberg/Mannheim.

Ein nächster Bereich widmet sich schlaglichtartig historischen Fakten, Namen und Zahlen: So werden Besucherinnen und Besucher zunächst übergreifend informiert über das Thema Homosexualität in der deutschen Gesetzgebung vom Kaiserreich bis heute und die Geschichte der Homosexualität in der DDR. Im Anschluss folgt der Fokus auf die Stadt Ludwigshafen, beispielhaft für eine mitteldeutsche Großstadt, in der es – wie überall in Deutschland sonst auch – Menschen gab und gibt, deren Lebensweise keine heteronormative ist. Das Stadtmuseum begab sich dazu auf Spurensuche, zeigt ausgewählte Fundstücke und nähert sich zudem vier Persönlichkeiten an, deren Lebensspannen den Zeitraum von der späten Kaiserzeit bis in die 1990er Jahre abdecken. Hierbei handelt es sich um zwei Männer, eine Transfrau sowie eine Frau; der bekannteste unter ihnen ist der später in Berlin aktive Ludwigshafener Lebens- und Sterbenskünstler Napoleon Seyfarth, dessen Autobiographie "Schweine müssen nackt sein" Anfang der 1990er Jahre deutschlandweit für Aufsehen sorgte.

Im Bereich "Projekte, Kunst und Medien" widmet sich die Ausstellung in abstrahierter Weise "Kindern dieser Stadt" sowie Aspekten wie der eingetragenen Lebenspartnerschaften in Ludwigshafen und anderem. Zwei Medienstationen präsentieren einerseits eine Auswahl zum Thema coming-out des renommierten Kurzfilmfestivals "Girls go movie", bei dem regelmäßig auch Mädchen und junge Frauen aus dem Raum Ludwigshafen teilnehmen, sowie eine Zusammenstellung neuer Beiträge, die durch die Beschäftigung der Besucherinnen und Besucher mit dem Ausstellungsthema entstehen. Eine Kooperation gab es im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen mit dem Bereich Jugendförderung und Erziehungsberatung der Stadt: Hier haben jugendliche Mädchen aus Ludwigshafener Freizeiteinrichtungen eine interaktive Hör- und Sprechkabine zum Thema Verliebtsein erarbeitet.

Während der größte Teil an Informationsgehalt in grafisch eigens für die Ausstellung gestalteten Text- und Bildbannern durch die Ausstellung führt, werden diese durch eine Anzahl thematisch gestalteter Tischvitrinen mit Exponaten und weiteren Dokumenten ergänzt. Eine Feedback-Box im Ausstellungausgang gibt den Besucherinnen und Besuchern abschließend die Möglichkeit, durch Notizzettel Kritik, Anregungen und Wünsche zu äußern.

Das Begleitprogramm zur Ausstellung
Während der gesamten Laufzeit wird es eine abwechslungsreiche Bandbreite an Zusatzveranstaltungen im Kontext des Ausstellungsthemas geben. Es werden sowohl Theateraufführungen als auch Filmabende, Literaturlesungen, Erzählcafés sowie Informationsabende von unterschiedlichen Organisationen im Stadtmuseum stattfinden. Im Abstand von etwa acht Wochen erscheinen dazu in gedruckter und online-Fassung jeweils aktuelle Flyer mit detaillierten Angaben zu den einzelnen Veranstaltungen.

Für Kinder ab dem Grundschulalter und für Jugendliche gibt es ein museumspädagogisches Angebot mit  Lese- und Bastelangeboten,die sich mit dem Thema Identität, Anderssein und Wunsch nach Anerkennung in der Gemeinschaft/Gesellschaft beschäftigen. Für Schulklassen und Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen wird eine kostenlose und als Download verfügbare Handreichung für Pädagoginnen und Pädagogen bereitgestellt. Diese dient einerseits der individuellen Vorbereitung zur Besichtigung der Ausstellung, erhält jedoch auch noch vertiefende Unterrichtsentwürfe zum gesamten Themenspektrum. Auch Führungen  können – mindestens 14 Tage im Voraus und mit Terminabsprache – mit dem Stadtmuseum vereinbart werden. Für Bildungs- und Sozialeinrichtungen sind die Führungen kostenfrei.

Dokumentation der Ausstellung, des Begleitprogramms sowie vertiefender wissenschaftlicher Recherchen
Nach Ausstellungsende ist geplant, eine abschließende Dokumentation aus Ausstellungsinhalten, Begleitveranstaltungen und weiteren, vertiefenden Recherchen zu einzelnen Aspekten als Buchpublikation zu veröffentlichen.

Kooperationen
Die Realisation der Ausstellung erfolgt unter anderem in Zusammenarbeit mit folgenden Personen und Einrichtungen in Ludwigshafen und der Region:
AIDS-Hilfe Arbeitskreis Ludwigshafen, Bereich Jugendförderung und Erziehungsberatung der Stadt Ludwigshafen, Filmfestival "Girls go movie", ILSE (Initiative schwuler und lesbischer Eltern, Regionalgruppe Rhein-Neckar), Lesbisch-Schwule Geschichtswerkstatt Heidelberg-Ludwigshafen-Mannheim, Lokale Koordinierungsstelle Mannheimer Aktionsplan (MAP), Gruppe Gay & Grey Rhein-Neckar, Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg, OK-TV (Offener Kanal) Ludwigshafen, PLUS (Psychologische Lesben- und Schwulenberatung Rhein-Neckar), Protestantische Jugendkirche Ludwigshafen, Schwules Museum Berlin, Schwullesbisches Archiv Hannover (SARCH), Selbsthilfegruppe Transsexuelle Rhein-Neckar-Pfalz, Staatsarchiv Hamburg, Stadtarchiv Ludwigshafen, Theater Oliv Mannheim. Das Museum dankt allen Privatpersonen, die mit Leihgaben, Rat und Tat zur Ausstellungspräsentation beigetragen haben.

Die gesamte Ausstellung wurde freundlicherweise gefördert durch die BASF Stiftung.

Letzte Änderung am Sonntag, 29 November 2015 11:41

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