Ist Schwulsein wirklich sichtbar?

Können wir anhand von neutralen Bildern Menschen ansehen, welche sexuelle Orientierung sie haben? Nein, sagen amerikanische Wissenschaftler – und warnen davor, dass der Gaydar-Mythos Klischees zementieren könne. Ein Team von Wissenschaftlern der University of Wisconsin in Madison hat in einem Forschungspapier erklärt,

dass der viel zitierte Gaydar nicht existiere. In dem im "Journal of Sex Research" veröffentlichten Aufsatz argumentieren die Forscher sogar, dass es gefährlich sei, weiter am Konzept des Gaydars festzuhalten, da es sich um eine schädliche Form der Stereotypisierung handle.

Bisher waren mehrere Wissenschaftler zum Schluss gekommen, dass es den Gaydar wirklich gibt: US-kanadische Forscher wollten etwa herausgefunden haben, dass fruchtbare Frauen an Bildern am besten erkennen konnten, ob ein Mann schwul oder hetero ist (queer.de berichtete). Niederländische Forscher erklärten, dass Schwule und Lesben einen besseren Gaydar als Heteros hätten, weil sie mehr auf ihre Umwelt achteten (queer.de berichtete).

Irreführende Fotos

Die Forscher aus Wisconsin haben nun mehrere dieser Untersuchungen unter die Lupe genommen, insbesondere eine US-Studie aus dem Jahr 2008, nach der Menschen Homo- und Heterosexuelle richtig zuordnen konnten, nachdem sie nur für den Bruchteil einer Sekunde ein Bild dieser Personen gesehen haben (queer.de berichtete).

Damals seien Fehler in der Versuchsanordnung gemacht worden, behaupten nun die Forscher um den Psychologen Dr. William Cox. So seien die Bilder von Schwulen und Lesben in dieser Studie von besserer Qualität gewesen als die von Heterosexuellen. So seien die Ergebnisse verfälscht worden.

Zudem sei problematisch, dass die gleiche Anzahl von Homo- und Heterosexuellen gezeigt wurde, obwohl der Anteil von Homosexuellen nur bei rund fünf Prozent liege. Cox erklärt das Problem so: "Stellen Sie sich vor, 100 Prozent der schwulen Männer tragen die ganze Zeit rosa Hemden, aber nur zehn Prozent der Heteros. Auch wenn alle Schwule rosa Hemden tragen, sind es in absoluten Zahlen immer noch doppelt so viele Heterosexuelle." In diesem extremen Beispiel wäre der Gaydar also – sollte man rosa Hemden mit Homosexuellen verbinden – in zwei von drei Fällen falsch.

Forscher: Wer an den Gaydar glaubt, glaubt an Klischees

 

In einem eigenen Versuch stellten Cox und die anderen Wissenschaftler drei Gruppen von Probanden verschiedene Erklärungen des Gaydars vor: Einer Gruppe wurde erzählt, der Gaydar existiere wirklich, einer anderen, der Gaydar sei nur ein Klischee. Gegenüber einer dritten wurde der Gaydar nicht definiert.

Ergebnis: Die Gruppe, die den Gaydar für echt hielt, benutzte viel häufiger Klischees als die anderen Gruppen, etwa: Der Schwule mag Shopping, er ist modebewusst, er mag keinen Sport. "Wenn man Leuten erzählt, dass sie einen Gaydar haben, dann legitimiert das diese Form von Stereotypisierung", so Cox. Mit derartigen Klischees würden Vorurteile geschürt und Diskriminierung bis hin zur Aggression wahrscheinlicher gemacht.

Im Forschungspapier zogen die Autoren daher die Schlussfolgerung, dass man eher die Ähnlichkeiten als die Unterschiede der Gruppen hervorheben solle. (dk)

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